La diffusion urbaine
Christina Schmid
La diffusion urbaine
13. März – 18. April 2010
Artsenal espace d’art Delémont
Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Städte. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit leben heute mehr Menschen in Städten als auf dem Land, und die Verstädterung der Welt wird sich in den nächsten Jahrzehnten fortsetzen. Zugleich erscheint aber aufgrund der Vielfalt der Entwicklungen immer unschärfer, was eine „Stadt“ eigentlich ist und was Urbanität ausmacht. Diffusion (von lateinisch diffundere: ausstreuen, ausbreiten, ausgiessen)
hat demzufolge mit Verbreitung, Ausbreitung, aber auch mit Ausstrahlung (TV) zu tun, darin enthalten ist auch das Adjektiv diffus: nebelhaft, mit nicht erkennbaren Umrissen versehen, unscharf.
Christina Schmid ist weder Stadtplanerin noch Architektin, sondern bildende Künstlerin und sensibilisiert für Gender-Fragen. Fasziniert von der Grossstadt und ihren Widersprüchen, an deren architektonischer Gestaltung die weibliche Hälfte der Weltbevölkerung immer noch nur am Rande beteiligt ist, setzt sie sich seit bald zehn Jahren mit dem Thema Stadtlandschaft auseinander. Ausgehend von ihren persönlichen oder medial vermittelten Erfahrungen, konstruiert sie sich ihre eigenen Stadtbilder. So gelangt sie spielerisch - bastelnd, bauend, fotografierend, druckend oder nähend - zu imaginierten Stadtansichten.
Sie interessiert sich dabei mehr für den Topos Grossstadt als für konkrete Stadtporträts und
geht der Frage nach, ob es universelle Kennzeichen von Stadtlandschaften gibt und welche formalen Muster diese charakterisieren.
La terre est bleue comme une orange (Die Welt ist blau wie eine Orange)
Mit dieser Anfangszeile eines Gedichts des surrealistischen Poeten Paul Eluard möchte ich sie auf die Paradoxien und surreale Färbung von Christina Schmids Arbeiten einstimmen.
deadleg city 2002
Schnee und Eis. Eine unwirtliche künstliche Science-Fiction-Stadt in blauviolettes Polarlicht getaucht. Eiskalt, totenstarr, kein Bein zeigt sich. Weder in Deadleg-City North noch in Deadleg-City-South. Kalte Schönheit.
Mit dieser dreiteiligen Fotoarbeit aus dem Jahre 2002 (nach 9/11) begann Christina Schmid ihre Auseinandersetzung mit dem Bild der anonymen Grossstadt. Einfache Gipsabgüsse aus Hohlformen von Verpackungsmaterial werden zum Modell einer utopischen Stadt arrangiert und unter Ultraviolett-Licht fotografiert.
Under construction 2010
Im Komplementärkontrast zur blauen Eiswelt steht das wandfüllende Grossstadtpanorama in fluoreszierendem Orange auf der gegenüberliegenden Wand. Es trägt den Titel Under Construction. Es changiert zwischen flächiger Ornamentik und konstruierter Dreidimensionalität.
Das Verpackungsmaterial, das sich wie ein roter Faden durch Christina Schmids Werk zieht, wird hier als Stempel oder ‚Druckstock’ verwendet. Die diversen seriellen Ausformungen und Ausbuchtungen der ausgeklügelten Lebensmittelverpackungen ahmen dabei perfekt die unterschiedlichen postmodernen Fassadenstrukturen nach. Mit diesem direkten Druckverfahren lässt die Künstlerin diverse ‚Hochhäuser’ luftig in die Höhe und Breite wachsen und generiert eine hoch dekorative Skyline. Durch die teilweise Überlagerung der unterschiedlichen Muster und linearperspektivische Ansätze suggeriert sie räumliche Tiefe.
Under construction: Auch eine ‚Musterstadt’ ist nie fertiggebaut: Das beweisen die diversen ‚Baukräne’, formal wiederum eine simple Aneinanderreihung von Halbkreisen in der Horizontalen und Vertikalen.
Weiblich, triebhaft und primitiv: so verurteilte vor 100 Jahren der Wiener Architekt Adolf Loos in seiner folgenreichen Schrift Ornament und Verbrechen die Ornamentik. Was heute als der Zeit verhaftete Reaktion auf den Jugendstil einzuordnen ist, hatte folgenschwere Auswirkungen auf die Architektur der Moderne - bis heute: Diese hatte – nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen – schmucklos zu bleiben. Es galt der Grundsatz Form follows function. Erst in der Postmoderne erfuhr das Ornament in der Architektur eine Wiederentdeckung. Unterdessen finden wir es wieder allenthalben, auch in der ‚hohen Kunst’ und es wird kaum mehr als ‚minderwertig’ angesehen. Diese Aufwertung illustrierte letztes Jahr in Wien eine grosse Ausstellung mit dem Titel Die Macht des Ornaments.
Das Subversive an Christina Schmids Architektur-Nachahmung besteht darin, dass sie sich zur Gänze aus geometrischen Ornamenten und Orthogonalen zusammensetzt und trotzdem wie richtige Architektur wirkt. Widerlegt sie damit den Text von Adolf Loos? Zudem sorgt die Künstlerin dafür, dass die Wiederholung, Reihung und Symmetrie, die für Ornamente kennzeichnend ist, nicht militärisch-langweilig, sondern immer wieder von kleineren Unregelmässigkeiten belebt wird.
Die strenge, statische Schönheit dieser ‚Musterstadt’ setzt sich formal hauptsächlich aus Horizontalen und Vertikalen zusammen, die die unterschiedlichen Geschosshöhen und Fensterformen simulieren. Diese urbanen Strukturen lassen sich stellenweise gleichzeitig als Grund- oder Aufrisse lesen.
Paris et ses Merveilles 2008
Das Motiv der Überlagerung von Grund- und Aufriss, von Fläche und Dreidimensionalität spielt auch in der Serie Paris et ses Merveilles eine wichtige Rolle. Die Künstlerin isoliert ein einfaches geometrisches Architekturelement der betreffenden Sehenswürdigkeit, um es anschliessend durch Wiederholung und Spiegelung zu einem Grundriss zusammenzusetzen. Diesen fiktiven Grundriss legt sie als Nähmaschinenstickerei wie ein ornamentales Netz über die Fotografie. Sie nimmt damit den Faden ihrer persönlichen Erinnerung an Paris auf und verlängert ihn über das Bild hinaus. Durch die ornamentale Überhöhung verleiht sie dem tausendfach geknipsten Monument neuen Glanz und Kostbarkeit.
Paris 1-10
Der Eiffelturmes als Solitär wird begleitet (oder konkurrenziert) von filigranen, bis auf das Skelett abgemagerten ‚Wolkenkratzern’. Ganz so wie der Eiffelturm in Paris mittlerweile rund ums Jahr mit Lichterketten geschmückt ist, verziert Christina Schmid den Himmel über Paris mit glitzernden und neonbunten Maschinenzierstichen und beleuchtet das Ganze von hinten. Der Inbegriff des Wahrzeichens von Paris als nostalgisches Souvenir mit ironischer Note.
Tod in den Weinbergen 2010
Unter diesem mysteriösen Titel – er ist der Krimiserie Ein Fall für zwei entnommen - verbirgt sich eine Serie mehr oder weniger unscharfer Stadtansichten und Industrieanlagen, gedruckt auf Omas ovale Spitzendeckchen, zum Teil von der Künstlerin eigenhändig umhäkelt. Wolkenkratzer ragen aus dem ausufernden Häusermeer und silhouettieren die Skyline, Kühltürme spiegeln sich im Wasser, Kühe weiden vor rauchenden Industrieschloten.
Die Künstlerin schöpft ihr Bildmaterial aus verschiedenen Quellen: Sie fotografiert direkt ab dem TV-Bildschirm, entnimmt es Illustrierten oder dem Internet.
Auch in dieser Arbeit prallen mit Rahmung und Bildinhalt Welten aufeinander, die so paradox erscheinen wie die blaue Orange. Das global Urbane reibt sich an der privaten Idylle, das grosszügig Weltläufige steht im Widerspruch zur kleinteiligen Handarbeit, das Progressiv-Moderne kontrastiert mit dem Altmodisch-Kleinbürgerlichen, der grosse Wurf männlich-phallischer Architektur wird gerahmt, verziert oder in die Schranken gewiesen von feinster durchbrochener Häkelspitze.
Sind im Städtbau schon Auswirkungen einer anderen, „weiblichen“ Perspektive auszumachen?
Seit jeher und nach 9/11 vielleicht sogar noch mehr, sind Türme auch (männliche) Machtsymbole. Wer auf den andern herunterschauen kann, hat die Übersicht und mehr Macht. Jüngster Höhenrekordhalter ist der Burj Khalifa in Dubai mit 828 Meter. (vgl. Vedute)
In den Veduten Christina Schmids sehe ich noch ein weiteres urbanistisches Phänomen repräsentiert. Die Peripherisierung. Das von den großen Metropolen her bekannte Phänomen ist mittlerweile auch in Europa klar sichtbar: Anstatt eines urbanen Zentrums existieren heute viele periphere Zentren. Das Zentrum bleibt unscharf verschwommen, während die Randzonen (hier in Form von Häkelspitze) in den Fokus rücken und an Schärfe gewinnen. Die Wohngebiete haben sich bis an die Randgebiete ausgebreitet, Verkehr und Informatik ermöglichen problemlos eine räumliche Erweiterung. Wohnen und Arbeiten bilden keine einstmals gegensätzlichen Begriffe mehr, ebenso wie Stadt und Natur.
Stola 2010
Heisst die für diesen White Cube entstandene Installation – eine Verkleidung oder Ummantelung einer Säule.
Auch hier steht die Kettenbildung der zweckentfremdeten Shampoodeckel im Dienste des Ornaments. Wie beim Sticken oder Häkeln entsteht erst durch die massenhafte Aneinanderreihung desselben Motivs ein ästhetisch wirkungsvolles Geflecht.
Wie eine Schmarotzerpflanze wachsen die himmelblauen Plastikketten über die Säule herab und verwandeln sie in einen zauberhaften blühenden Baum.
Schauen sie tief in die einzelnen Blütenkelche und atmen sie den imaginären Duft des Frühlings!
Er wird kommen!
Ganz zum Schluss möchte ich sie noch auf die Postkartenserie hinweisen, die wie alle andern Werke auch, käuflich erworben werden kann: Sie illustriert bildlich, was ich mit dürren Worten zu umschreiben versuchte. Zwanzig Franken für 9 Postkarten, ermöglicht dank der finanziellen Unterstützung durch den Lotteriefonds des Kantons Solothurn.
Eva Bächtold
März 2010